Lebensrettend oder moralisch verwerflich?

Organhandel: lebensrettend oder moralisch verwerflich?

Eine Organtransplantation kann für den Empfänger durchaus lebensrettend sein, allerdings erlangt der betroffene Patient nach dem Eingriff selten wieder seine alte Lebensqualität zurück. Für den Spender endet die Explantation meistens tödlich, sodass er sein Leben praktisch für den entsprechenden Empfänger opfert. Da er jedoch zuvor seine Einwilligung für eine postmortale Organentnahme gegeben hat, scheint diese legale Form des Tausches von Leben gegen Leben auf den ersten Blick moralisch vertretbar. Allerdings werden die Spender vor ihrer Einverständniserklärung zumeist nicht hinreichend über die Problematik der postmortalen Organspende aufgeklärt, sodass das Ganze bei genauerer Betrachtung moralisch doch ziemlich fraglich ist.

Im Gegensatz dazu ist die illegale gewaltsame Organbeschaffung der Organhändler aus ethischer Sicht natürlich höchst unmoralisch. Sie schlagen aus der Verzweiflung von reichen kranken Menschen Profit, indem sie ihnen Organe von ihren armen Opfern verkaufen. Dadurch werden die Leben unfreiwilliger Spender zugunsten wohlhabender Menschen geopfert. Aber ist das Leben eines mittellosen Menschen weniger wert, als das eines Menschen mit viel Geld? Diese Mentalität erinnert stark an die Sklaverei und ist mit der Würde des Menschen nicht zu vereinbaren.

 

Geistige Parallelen zur Sklaverei

Ab Anfang des 17. Jahrhunderts wurden arme Menschen, vor allem farbige afrikanische Ureinwohner, als Sklaven gefangen gehalten und zwecks Zwangsarbeit nach Europa oder in die USA verkauft. Im Laufe der Zeit entstanden durch den wirtschaftlichen Fortschritt nützliche Maschinen, die die Arbeit der Sklaven in vielen Gebieten mehr und mehr überflüssig machten. Der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 führte schlussendlich allmählich zu einer weitreichenden Abschaffung der Sklaverei mit der den Schwarzen die gleiche Menschenwürde zugestanden werden sollte. Trotzdem ist die Sklaverei in abgeminderter Form leider auch noch heute besonders in Form von illegaler Kinderarbeit weit verbreitet.

Den Organhandel kann man als eine moderne Form der Sklaverei betrachten. Auch hier ist scheint das Leben eines hilflosen Flüchtlings weniger wert zu sein, als das Leben eines wohlhabenden potentiellen Empfängers.

Allerdings geht es beim Organhandel um menschliche Körperteile, sodass Menschen in Not gewissermaßen immer mehr zu Ersatzteillagern für besser Gestellte werden. Da der genötigte Spender durch die Explantation seiner Organe für den Rest seines Lebens geschädigt ist oder sogar stirbt, stellt sich die Frage, ob der Organhandel nicht noch schlimmer ist, als die Sklaverei. Bei der Sklaverei wird das Opfer seiner Freiheit beraubt, darf jedoch weiterleben.

Sowie die Entwicklung von Maschinen die Arbeit der Sklaven größtenteils ersetzt hat, könnte die Züchtung künstlicher Organe vielleicht dem Organhandel entgegenwirken.

 

Problematik der postmortalen Organspende

Es ist jedoch nicht nur die illegale gewaltsame Organbeschaffung fraglich, sondern auch der legale Weg der postmortalen Spende. Bei der postmortalen Spende dürfen die Organe nach der Feststellung eines irreversiblen Gesamthirntod explantiert werden – das bedeutet erst nach dem endgültigen Ausfall der Gesamthirnfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes, aufgrund weiträumig abgestorbener Nervenzellen. Da dieser Zustand nur bei etwa 1% aller Todesopfer vor dem Herzstillstand eintritt und die Organe bei der Transplantation noch lebendig sein müssen, sind nur sehr wenige Patienten für die Organspende geeignet.

Es ist medizinisch unmöglich, die Organe aus einem toten Körper wieder in Funktion zu setzen. Die Wenigsten wissen, dass bei einem Hirntod der physische Körper des betroffenen Patienten eigentlich noch lebt. Er kann sich weiterhin bewegen und schwitzen, sodass sein Zustand eher an ein Koma erinnert. Es wurden sogar Fälle dokumentiert, in denen schwangere Frauen auch noch Wochen nach der Feststellung ihres Hirntodes ihr Kind austrugen.

Der vermeintlich tote Organspender wird während der Explantation an den Operationstisch festgeschnallt, da sich sein Körper während des Eingriffes massiv zu wehren versucht. Es kommt zu einem erhöhten Blutdruck und einem Anstieg von Herzfrequenz und Adrenalin, was normalerweise klare Hinweise auf starke Schmerzen sind. Deshalb erhält der Patient folglich muskelentspannende Injektionen und Mittel, die bis zu 100 mal stärker als Morphium wirken. Am Ende der Operation ist dann auch der Körper des Spenders tot, sodass man bei der postmortalen Spende eigentlich von einer vorsätzlichen Tötung sprechen muss.

Bemerkenswert ist, dass der Hirntod erst 1968, gerade nach den ersten erfolgreichen Transplantationen, als Todesdefinition eingeführt wurde. Ohne diese geltende Todesdefinition gäbe es heute kaum Transplantationsmöglichkeiten. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass es bei einem Menschen nach seinem angenommenen Tod sinnvoll ist, die teure Technik auszuschalten und mit seinen Organen andere Leben zu verbessern. Allerdings weiß man nicht, in was für einem Zustand sich ein hirntoter Patient genau befindet, sodass die aktuellen Maßnahmen möglicherweise höchst fragwürdig und ethisch bedenklich sind.

Auch die Untersuchungsmethoden hinsichtlich der Feststellung des Hirntodes fügen dem möglicherweise noch fühlenden potentiellen Spender eventuell starke Schmerzen zu. Ihm wird Eiswasser in die Gehörgänge geschüttet oder seine Augenäpfel werden mit unterschiedlichen Gegenständen provoziert, sodass man anhand der Reaktionen seinen Zustand beurteilen kann. Der sogenannte offizielle Abnoe-Test untersucht die Atemreflexe des Patienten. Kommt es bei ihm nach Abschaltung der künstlichen Beatmung zu keinem Atemreflex, wird er für Hirntod erklärt und zur Transplantation freigegeben. Ist das Gegenteil der Fall, wird er einfach wieder an die Maschinen angeschlossen, vorausgesetzt, der Betroffene hat die Untersuchung überlebt.

Es tauchen sogar immer wieder Fälle auf, in denen bereits zur Transplantation freigegebene hirntote Organspender wieder aufwachen und überleben. Häufig sind es die Angehörigen des betroffenen Patienten, die mit der Explantation noch warten möchten und dadurch manchmal das Leben ihres Familienmitgliedes retten.

Wenn die Menschen die Problematik der postmortalen Organspende kennen würden, gäbe es vermutlich noch einmal deutlich weniger willige Organspender in Deutschland.
In anderen Ländern wie beispielsweise Österreich, Frankreich, Italien oder Spanien ist jeder Mensch Organspender, der sich nicht schriftlich ausdrücklich dagegen abgesichert hat („Widerspruchslösung“). Das bedeutet für alle Touristen, dass ihnen nach einem Unfall im Urlaub mit folgendem Hirntod in diesen Ländern einfach die Organe entnommen werden können.

 

Quellen:

http://www.zeitenschrift.com/artikel/organspenden-moderner-kannibalismus#.VJQ6PF4CA
http://www.theologe.de/theologe17.htm#Herzloser_Tod
http://de.wikipedia.org/wiki/Hirntod
https://www.organspende-info.de/organ-und-gewebespende/verlauf/voraussetzungen

1 Kommentar

  1. Annemarie   •  

    Ich glaube mit dem Organspendenausweis überlege ich mir nochmal…

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